Statistik für Anfänger

Mai 27th, 2010

Was für eine freudige Nachricht: Wir sind das ehrlichste Volk auf Erden.

Eine repräsentative Umfrage von Reader’s Digest hat ergeben, dass 91% der Schweizer ein gefundenes Portemonnaie mit 1′000 Franken Inhalt samt Geld dem Besitzer zurückgeben würden. Von den Russen würden dies nur 49% tun.

Doch sind wir wirklich sooo viel ehrlicher als die Russen? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Denn vielleicht sagten ja 91% der Russen gegenüber dem Meinungsforschungsinstitut die Wahrheit, während 49% der Schweizer gelogen haben.

Und wer ist eigentlich ehrlicher? Wer ein gefundenes Portemonnaie mit 1000 Franken zurück geben würde oder wer auch bei einer Telefonumfrage immer die Wahrheit sagt?

Gemäss der Pressemitteilung von Reader’s Digest hätte das hypothetische Portemonnaie aus der Umfrage in jedem Land 1′000 Franken drin gehabt bzw. die “entsprechende Summe in der jeweiligen Landeswährung”. In Russland also rund 27′000 Rubel, was in etwa dem Monatslohn eines Personalchefs in Moskau entspricht.

Kaum jemand glaubt einem armen sibirischen Bauern, wenn dieser sagt: “Ich würde das Portemonnaie und jeden einzelnen der 27′000 Rubel selbstverständlich sofort auf die nächste Polizeistation bringen, damit es auf dem schnellsten Weg seinem Besitzer zukommt.” Ob die russischen Meinungsforscher in solchen Fällen so ehrlich waren und auf ihren Fragebögen das Kreuz am richtigen Ort setzten? Ich kenne da das Resultat einer repräsentativen Umfrage das dagegen spricht.

Nastrovje, Reader’s Digest.
Nastrovje, 20 Minuten.

Ausriss: 20 Minuten vom 27. Mai 2010
Quellen: Artikel Reader’s Digest, Pressemitteilung Reader’s Digest, Artikel 20 Minuten, Durchnittslöhne in Moskau – Tabelle der IHK Rhein-Neckar

Die Überwachungskamera in der Kirche

April 28th, 2010

Gott hat seine Augen überall. Auch in der reformierten Kirche von Greifensee ZH. Aber was hier an der Empore hängt, sieht nicht aus wie Gottes Auge. Sondern vielmehr wie eine sogenannte Dome Überwachungskamera, wie sie zu Dutzenden im Bahnhof an der Decke hängen; zur Abschreckung und zur Identifizierung von Verbrechern.

In der Schweiz sind in den letzten Tagen vier Glocken und 29 Orgelpfeiffen aus drei verschiedenen Kapellen und Kirchen gestohlen worden (Beitrag Schweiz Aktuell). Soll das rundumblickende schwarze Auge in der hübschen kleinen Kirche von Greifensee einen ähnlichen Zwischenfall verhindern?

Nein. Pfarrer Theo Handschin von der reformierten Kirchgemeinde Greifensee klärt auf: “Die Kamera dient nicht der Überwachung, sondern der Videoübertragung von Gottesdiensten in den Saal des Kirchgemeindehauses. Dies findet vor allem an Beerdigungen statt, wo man manchmal kaum abschätzen kann, wie viele Leute kommen. Weil in einer solchen Situation diese Möglichkeit sehr kurzfristig eingerichtet werden muss, haben wir uns für eine dauerhafte Installation entschlossen. So können die Sigristen einfach die Anlage im Kirchgemeindehaus anschalten und die Sache läuft.”

Amen.

Blog-Monitoring: Praxistest mit der Migros

April 19th, 2010

Gestern schrieb die SonntagsZeitung, dass Schweizer Konzerne (ABB, Nestlé, Credit Suisse, Swisscom, Cablecom, Migros) mit Software systematisch Blogs überwachen. Dies ermögliche den Firmen gezielt auf Blogeinträge zu reagieren. Ein Beispiel aus der SonntagsZeitung:

28 Minuten nach Mitternacht schrieb Roger Bühler entnervt auf seinem Blog: «war jetzt drei stunden lang vom netz abgehängt – war ein dummes gefühl.» Um 3.38 Uhr morgens antwortete ihm völlig unerwartet ein Mitarbeiter des Cablecom-Kundendiensts: «Guten Tag. Diesen Unterbruch bedauern wir und hoffen, dass Sie wieder online sind.»

Soweit so gut. Ich mach jetzt mal den Praxis-Test und schaue, ob die Migros auch so flink ist wie ihr Blog-Monitoring-Konkurrent Cablecom:

Liebe Migros,

Am späten Sonntagnachmittag stoppte ich an der Raststätte Kölliken Nord. Mein Magen knurrte und ich wollte mir im migrolino eine günstige Tiefkühlpizza holen. Von wegen günstig: migrolino verkauft nicht die preiswerten Migros-Finizza-Pizzas, sondern die teureren Original-Dr.Oetker-Pizzas. Nur, wieviel kostet so eine denn? Ich fand keinen Hinweis auf den Preis. Weder auf der Verpackung, noch vor, hinter, auf oder in der Tiefkühltruhe. Und dies obwohl Ihr Chef Herbert Bolliger in Interviews beteurte, dass zwar die Preise von den Produkten verschwinden, dafür aber gut sichtbare Preisschilder an den Regalen angebracht werden (“Es geht vor allem um eine zuverlässigere Preis-Information für die Kunden und nicht primär um die Einsparungen” – Zitat Bolliger im Blick vom 6. Januar 2010). Ihre Angestellte war dann so nett und scannte das Produkt für mich: Fr. 6.20. Sie werde dafür sorgen, dass dort ein Preisschild hinkomme, versicherte mir die junge Frau in Aargauer Dialekt.

Der Zufall wollte es, dass ich eine gute halbe Stunde später bei einer Shell-Tankstelle in Burgdorf Benzin tankte und dafür in einem migrolino-Shop bezahlen musste. Ich konnte es nicht lassen und guckte in die Tiefkühltruhe: Pizzas von Dr.Oetker – ohne Preisschild weit und breit. Ihre Angestellte versicherte mir, diesmal auf Berndeutsch, sie werde “es weiterleiten”. Dass die Pizza Fr. 6.20 kostet, wusste sie übrigens auswendig.

Nun meine Frage: Muss ich mich in Zukunft im Einkaufsstress bei Ihrem Personal über die aktuellen Preise erkundigen oder kann ich dieses ernüchternde migrolino-Erlebnis ganz schnell wieder vergessen?

Ihre Antwort in Form eines Kommentars zu diesem Blogeintrag würde mich sehr freuen.

In der Hoffnung auf eine ebenso schnelle Reaktion wie diejenige von Ihren Kollegen bei Cablecom, verbleibe ich

mit freundlichen Grüssen
Kobi

Juhui: Heute gibts den Blick gratis!

April 16th, 2010

Wenn der Produzent den Text nicht kennt…

April 14th, 2010

…entstehen Schlagzeilen, die dem Lauftext widersprechen.

Dass die Bieler ihre Junkies in der Drogenstube vor Passivrauch schützen, ist allerdings der grössere Widerspruch.

Ausriss: 20 Minuten, Ausgabe Bern vom 13. April 2010

Herr Reuters Brieftauben

April 8th, 2010

Die europäische Nachrichtenagentur Reuters existiert seit 2008 nicht mehr. Denn vor ziemlich genau zwei Jahren hat Reuters mit der kanadischen Thomson-Gruppe fusioniert – der Sitz des neuen Unternehmens Thomson Reuters ist New York.

Begonnen hat Reuters Firmengeschichte 1850 im preussischen Aachen. Gründer Paul Julius Reuter tauschte bereits damals Nachrichten aus: Mit seinen Brieftauben. Diese übermittelten zwischen Aachen und Brüssel Aktienkurse. Berlin und Aachen waren bereits per Telegraphenleitung verbunden – Reuters Flugpost schloss die noch bestehende Lücke zwischen Aachen und Belgiens Wirtschaftszentrum Brüssel (122 km).

Gewusst?

Noch mehr lernen: Wikipedia

A new fragrance by Köbi Kuhn

März 30th, 2010

“Schaaatz, du schmöcksch irgendwie nach Köbi Kuhn!” – so könnte Herr Schweizer schon bald von Frau Schweizer begrüsst werden.

Denn “Köbi Kuhn” ist eine beim Eidgenössischen Institut für Geistiges Eigentum eingetragene Marke – unter anderem für Parfümeriewaren, Mittel zur Körper- und Schönheitspflege, Haarwasser und Deodorants. Inhaber der Marke Nr. 568072 ist ein gewisser Jakob Kuhn aus Zürich.

Eintragen liess Köbi Kuhn seinen Namen bereits vor zwei Jahren. Vielleicht auch als verspätete Reaktion auf den 10vor10-Beitrag “Die Marke Köbi Kuhn” vom 29. Juni 2006. Für diesen Bericht liess das Nachrichtenmagazin nämlich von der Marketingagentur BBDO den Wert der Marke “Köbi Kuhn” berechnen. Das Ergebnis: 9 Mio. Schweizer Franken.

Trotzdem, lieber Köbi, glaubst du wirklich, dass sich dein Name als Parfum gut verkaufen liesse?

Schweizerische Markensuchmaschine: swissreg.ch
Merci: TR

* * *

Nachtrag vom 10. April 2010:

20 Minuten Online fand das auch ganz lustig und hat meinen Beitrag weiterrecherchiert:

Artikel vom 9. April 2010 “Riechen wir bald nach Köbi Kuhn?”

Die Frage wird leider nicht beantwortet, aber der Artikel ist trotzdem lesenswert :) .

Alappuzha

März 27th, 2010

Dank Imodium® verlief die Fahrt von Munnar nach Alappuzha ohne Komplikationen. Dort angekommen, traf ich wieder auf Denis, den Slowenen. Alappuzha ist Ausgangsort zu den Backwaters, ein Flusssystem, das wie eine Lagune parallel zur indischen Westküste verläuft.

Wir entschieden uns für eine Tagestour auf einem der kleinen Boote. Unser Captain war James, der gemäss Informationen seines Chefs auch schon bei BBC zu sehen war. Im Gegensatz zu den reichen Indern, die in ihren riesigen Hausbooten die grossen Kanäle runter und rauf tuckern, waren wir in den kleinen Kanälen unterwegs. Dies gab uns Einblick in das Leben der Backwaters-Bewohner, die am und auf dem Wasser leben. Die Kinder werden mit Booten zur Schule gefahren, anstatt öffentlichen Bussen gibt es öffentliche Schiffe und auch Getränke und Baumaterial für neue Häuser werden auf dem Wasser transportiert:

Einer der unzähligen Nebenkanäle

Ein Schulboot

Irgendwo unter dem grünen Teppich ist Wasser

Eyy, an meinem letzten Tag noch einen Kingfisher gesehen!

Nach einer spannenden Bootsfahrt war mein letzter Abend gekommen. Wir besorgten uns Bier, um darauf anzustossen. Aber in Alappuzha war dies gar nicht so einfach. Im Supermarkt oder an Kiosken gab es jedenfalls keinen Alkohol. Wir entdeckten dann per Zufall doch noch einen kleinen Alkoholladen. Dutzende Männer standen eingepfercht zwischen Eisenstangen in der Schlange. Zum Glück sind wir weiss und gehören somit anscheinend zur obersten Kaste: Die anstehenden Männer deuteten uns zur Tür, wollten uns zu verstehen gehen, dass wir nicht wie sie vor dem Schalter anstehen müssten, sondern direkt in den Laden hinein gehen können. Wir wollten erst nicht, doch dann winkte uns auch der Ladenbesitzer hinein. Wir standen also mitten im Laden und der Verkäufer kümmerte sich nur um uns, während die Masse vor dem Fenster brav wartete.

Danke liebe Inder, für eure unglaubliche Gastfreundschaft!

Nein, das ist nicht die Sowjetunion. Das ist Kerala.


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