Aircel

Nun bin ich also bereits eine Woche lang alleine unterwegs. Fuer meinen Blog blieb aber kaum Zeit, da ich staendig auf Achse war. Heute haette ich wieder einmal ein bisschen Zeit, da ich zwecks Durchfall keine grossen Spruenge machen kann. In diesem Internetcafe – wahrscheinlich dem einzigen in dem Kaff wo ich momentan bin – ist es jedoch strengstens verboten, die Fotokamera an die Computer anzuschliessen. Da es soviel zu zeigen gaebe, erzaehle ich deshalb eine Geschichte, die auch ohne Bilder auskommt:

Aircel – India’s Pioneer in Mobile Services and Technology. With over 25 million happy customers in the country, Aircel is a full-fledged national operator.

Quelle: aircel.co.in

Mobiltelefonieren in Indien ist guenstig. Mit einer indischen SIM-Karte kostet ein nationales Telefongespraech 1 Rupie pro Minute, das sind 2.5 Rappen. Ein SMS in die Schweiz kostet 5 Rupien, also etwa 15 Rappen. So habe ich mir also in Goa eine indische SIM-Karte gekauft. Ich entschied mich fuer “Aircel”, denn mir wurde versichert, ich koenne die Karte sofort nach Registrierung benutzen, bei “Vodafone” muesste ich hingegen zwei Tage bis zur Aufschaltung warten.

Fuer 200 Rupien fuellte mir ein junger Inder waehrend einer halben Stunde alle Formulare aus und klebte mein Passfoto auf. Dann kriegte ich die SIM-Karte. Auf der Verpackung stand geschrieben: “For sale in Maharashtra only”. In einem Land, in dem es ein Getraenk gibt, dessen Logo aussieht wie das von “Fanta”, das aber “Funs Up” heisst, spielt es keine Rolle, dass mir in Goa eine SIM-Karte verkauft wird, die eigentlich nur im noerdlicheren Staat Maharashtra verkauft werden duerfte. Und tatsaechlich: Es funktionierte. Abgesehen davon, dass nicht alle SMS aus der Schweiz bei mir ankamen, funktionierte alles tadellos. Nach jedem Telefongespraech erhielt ich eine Nachricht mit meinem aktuellen Kontostand. Toller Service.

Im Staat Tamil Nadu, genauer gesagt in Ooty, einer kleinen Stadt auf 2’000 m.ue.M. musste ich meine SIM-Karte aufladen, ich hatte nur noch 7.02 Rupien auf meinem Konto. Ich kaufte mir also bei einem Kiosk drei “Top Up Cards” von Aircel fuer je 50 Rupien. Pro Karte koennte ich 43.33 Rupien zum telefonieren nutzen, die verbleibenden je 6.67 Rupien wuerden gemaess Aufdruck auf der Rubbelkarte fuer Service-Kosten und Steuern draufgehen. Was solls, ich tippte also den ersten 13-stelligen Code in mein Telefon ein. Die Antwort kam gleich nach dem lossenden des Codes: “Netzwerkproblem”. Zurueck im Shop, erklaerte man mir, dass ich mit den gekauften Rubbelkarten keine SIM-Karte aus dem Staat Maharashtra aufladen koenne. Das Guthaben koenne nur mit “Easy Top Up” erhoeht werden. Hmm. Erstaunlicherweise nahm der Verkaeufer die Karten anstandslos zurueck, sogar die bereits aufgerubelte. Mit meinen 150 Rupien machte ich mich auf den Weg, einen Ort zu finden, wo sogenanntes “Easy Top Up” moeglich ist.

Ich traf auf einen Aircel-Store. Zwei junge Inderinnen sassen im modernen, klimatisierten Raum und telefonierten mit ihren Handys. Als ich den Raum betrat hielten beide ihr Telefon sofort unters Pult und fragten fast gleichzeitig: “Yes Sir?” Ich erklaerte was ich wolle, worauf sie mir zu verstehen gaben, dass sie nur Formulare fuer Abonnemente ausfuellen koennten, aber keine Prepaidkarten aufladen. Sie sandten mich zwei Haeuser weiter, zu “GPL Mobiles”.

“GPL Mobiles” war ein kleines, von einer muslimischen Familie gefuehrtes Geschaeft, das neben Mobiltelefonen auch Fernseher und goldene Uhren verkauft. Hinter dem Tresen standen Vater und Sohn. Der etwa 15-jaehrige Bub mit Seitenscheitel, Kaeppi und dickem Brillenglas schien fuer die sogenannten “Easy Top Ups” zustaendig zu sein.

“Easy Top Up” funktioniert folgendermassen: Der Haendler kauft 1’000 Rupien Guthaben ein und bezahlt dafuer etwas weniger. In sein Mobiltelefon tippt er dann die Mobiltelefonnummer des Geraetes ein, das aufgeladen werden soll, worauf das entsprechende Guthaben von seinem Konto abgebucht und der Karte des Kunden gutgeschrieben wird.

Ich bezahlte 300 Rupien (CHF 7.50), um mich bis zu meiner Rueckkehr in die Schweiz nicht mehr um “Top Ups” kuemmern zu muessen. Der Bub tippte auf seinem Mobiltelefon rum und schon bekam ich auch eine SMS zugeschickt: “Your account has been successfully recharged. Ammount: Rs.0.00 Account balance: Rs.7.05″. Ich zeigte die SMS dem jungen Verkaeufer und dieser wiederum zeigte mir die SMS, die er zur gleichen Zeit erhalten hatte. Dort stand, dass 300 Rupien von seinem Konto abgebucht worden sind. Oje. Ich sagte, ihm, dass mir das egal sei, er habe dafuer zu sorgen, dass mir 300 Rupien gutgeschrieben wuerden. Dann mischte sich sein baertiger Vater ein. Er waehlte mit seinem Handy die Hotline von Aircel. Nach langem hin- und her in tamilischer Sprache, kam er zum Schluss, dass die Tamil-Nadu-Aircel-Hotline nicht weiterhelfen koenne. Er muesste die Aircel-Hotline des Staates Maharashtra anrufen und die kenne er nicht: “I am really helpless, Sir.” Dann wandte er sich einem anderen Kunden zu.

Fuer mich war klar, die wollten mich nicht bescheissen. Das Problem liegt irgendwo im komischen indischen Mobilfunksystem, das zwischen den verschiedenen Staaten nicht wirklich kompatibel zu sein scheint.

Ich ging zuerueck zu den zwei telefonierenden Ladies in ihrem klimatisierten Aircel-Shop. Ich erklaerte der Frau die rechts sass mein Problem. Sie nahm ihr Mobiltelefon von ihrem Schoss hoch, sprach etwas ins Mikrofon und haengte auf. Die Frau links telefonierte weiter. Die Aircel-Frau war mit meinem Problem ein bisschen ueberfordert und fragte mich, ob ich denn die Nummer der Maharshtra-Hotline von Aircel kennen wuerde. Ich wurde ein bisschen ranzig und sagte, dass ich ja hier sei, weil ich diese Nummer nicht kennen wuerde und ausserdem sei dies sei ja ein Aircel-Shop und sie solle sich doch bitte um mein Problem kuemmern. Sie klickte was auf ihrem Computer rum und waehlte dann mit meinem Telefon die Maharashtra-Hotline. Es folgte wiederum ein langes Gespraech – in Englisch. Dann erklaerte sie mir, was ihr soeben erklaert worden sei: Es sei nicht moeglich, eine Karte aus dem Staat Maharashtra im Staat Tamil Nadu mit Rupien aufzuladen. Hingegen haette ich nun 400 Gespraechsminuten fuer lokale Gespraeche, bzw. 200 Gespraechsminuten fuer nationale Gespraeche auf meinem Konto. Die 300 Rupien seien also in Gespraechsguthaben umgewandelt worden, weshalb sich mein Kontostand nicht veraendert habe. Ok, das war nicht was ich wollte. Ich wurde noch ein bisschen saurer, da ich das alles nicht verstehen konnte. Die arme Frau forderte mich auf, selber die Maharashtra-Hotline anzurufen, vielleicht wuerde ich dann ja verstehen. Also drueckte ich die Wiederholungstaste:

“Welcome to Aircel, what can I do for you?” Einmal mehr erklaerte ich mein Problem. Und der Mann von der Hotline erzaehlte mir noch einmal genau dasselbe, was mir zuvor die Frau von Aircel erklaerte. Ich entgegnete, dass ich die 300 Rupien brauchen wuerde um SMS zu senden und ich keine Gespraechsminuten wolle. Er solle mir doch verdammt nochmal einfach die 300 Rupien gutschreiben, das koenne doch nicht so schwierig sein. “I really cannot do this, Sir, I am really sorry, Sir.” Ich resignierte und verabschiedete mich, worauf der Typ am anderen Ende fragte: “Is there anything else I can do for you, Sir?” There was nothing you’ve done for me, so why you asking me this stupid question???

Ich ging zurueck in mein Hostel und taetigte einen nationalen Anruf. Schliesslich musste ich nun ja in wenigen Tagen 200 Gespraechsminuten vertelefonieren. Nach ein paar Minuten machte es “Pling Plong” und die Leitung war tot. Eine darauffolgende SMS bestaetigte mir, dass ich die letzten 7 Rupien aufgebraucht haette. Ich wollte veraergert die Maharashtra-Aircel-Hotline anrufen, um zu fragen, wo nun meine vielen Gespraechsminuten bleiben wuerden. Gluecklicherweise war die Nummer immer noch in der Liste der getaetigten Anrufe gespeichert. Ich klickte auf “Anrufen”; erneut machte es “Pling Plong”.

Ab sofort bin ich wieder ueber meine Schweizer Nummer erreichbar.

One Response to “Aircel”

  1. Götti sagt:

    Super – bei allem Aerger noch deine logische Antwort!