
Bereits nachdem ich heute morgen unsere Zeitung aus dem Briefkasten befreit hatte grinste mir Micheline Calmy-Rey entgegen. In A4-Grösse von der Coop-Zeitung. Auch Der Bund stand heute ganz im Zeichen der Frau. Micheline gab ein Interview über Frauenförderung und im Bern-Teil erzählten zwei lesbische Mütter von ihrem gemeinsamen Alltag und wie ihnen die Berner Selbsthilfegruppe für lesbische Mütter nach ihrer Neuorientierung helfen konnte.
Irgendwann im Laufe des Tages vergass ich dann wieder dass der 8. März der Tag der Frau ist. Grundsätzlich habe ich sowieso etwas gegen alle diese Tage (Tag der Kranken, Tag der Alten, Tag der Nichtraucher, Tag der Astmathiker und wie sie alle heissen). Wichtiger sind mir da schon die katholischen Feiertage, denn dann habe ich frei. Die kennt man zum voraus und auf die freut man sich jedes Jahr wieder.
Kurz vor Ende des 8. Märzes 2006 sollte mir aber noch deutlich eingeprägt werden, dass der 8. März nicht einfach ein Tag ist, sondern der Tag der Frau. Der sieben-ab-elfi Zug Bern-Genf war gefüllt mit Frauen, die Richtung Lausanne-Genf unterwegs waren. Eine Frauenquote von ca. 80%. In kleineren und grösseren Gruppen sassen die französischsprechenden Frauen ab 45 über den ganzen Zug verteilt. Die Gruppe welche am nächsten von mir entfernt sass, hätte es beinahe geschafft in 20 Minuten mein ganzes Frauenbild auf den Kopf zu stellen. Im negativen Sinn.
Vielleicht weisst du wie es ist zusammen mit angetrunkenen Teenies in der letzten S-Bahn nach Hause zu fahren: Jeder versucht lauter und cooler zu sein als der neben ihm proletende. Ja, so benahmen sich diese Frauen. Und zweifellos waren einige von ihnen ziemlich angeheitert. Der Kondukteur würde mir recht geben. Ich verstand zwar nicht genau was sie sagten (mein Französisch), aber das pubertierende Gruppenverhalten machte mir Angst, besonders wegen dem hohen Durchschnittsalter. Als ich dann (aus WC-technischen Gründen), so unaufdringlich wie möglich, an ihnen vorbei stolperte, bekam ich dann auch noch ein abschätziges “Voilà un homme” zu hören. Ich antwortete mit “Oui, ils existent” und verschwand im unteren Stock.
Beim Zurückkommen warf ich einen Blick auf einen der gelben Flyer, die überall im Zug auf den kleinen Tischchen vor den sitzenden Frauen verteilt lagen: “Association suisse pour les droits de la femme“. Ich kombinierte, dass es sich um unterdrückte Hausfrauen handeln muss, die einmal im Jahr ohne ihren Mann rausdürfen und dann die Sau rauslassen und allen zeigen wollen, dass der Tag ihnen ganz alleine gehört. Dass es diesen armen Frauen jedoch längerfristig etwas nützt, wenn sie einmal im Jahr in Bern oder Zürich demonstrieren und sich stark fühlen von soviel Solidarität, danach aber zu Hause wieder ein Jahr lang Dienstmädchen spielen, bezweifle ich doch sehr.
Wer etwas bewirken möchte im Kampf gegen die wirkliche Unterdrückung von Frauen, möge doch besser die UNICEF-Kampagne “Stopp Mädchenbeschneidung” unterstützen, als sich spätabends wie Kinder zu benehmen.
Bildquelle: zoff.fembit.ch
Hallo!
Habe nach den aktuellsten Äusserungen ein facebook-Grüppchen “Werft Calmy-Rey raus” ins Leben gerufen. Darf ich Ihr Bild dafür verwenden? Würde mich ungeheuer freuen! (Ebenso über einen Beitritt!)