Archive for the ‘Konsum’ Category

NEWS oder PR?

Freitag, Juli 24th, 2009

Montagmorgen: Die Augen noch halb verschlossen, lese ich die Schlagzeilen des Tages. Auf der Titelseite der Gratiszeitung NEWS steht geschrieben: „Holen Sie sich Ihre Rakete“.

Diesen Satz hatte ich doch bereits am Tag zuvor in einem Frisco-Inserat auf der Rückseite einer Sonntagszeitung angetroffen. Denn zum 40-jährigen Jubiläum der “Rakete”, verschenkt die Nestle-Tochter an k-Kiosken Gratis-Glacen. Und macht für die Aktion entsprechend Werbung.

Ich blättere also auf Seite 13. Direkt neben einem redaktionellen Inhalt zur ersten Mondlandung wird die PR-Aktion von Frisco beschrieben. Bebildert mit einer Glace.

Ein Hinweis auf der Titelseite auf eine PR-Aktion, die nicht als solche bezeichnet wird – ist das erlaubt?

Gemäss der Grundregel Nr. 3.12 der Schweizerischen Lauterkeitskommission (Selbstkontrollorgan der Werbebranche) gilt für Medien das Prinzip der „Trennung zwischen redaktioneller Information und kommerzieller Kommunikation:

1. Kennzeichnung und Erkennbarkeit von kommerzieller Kommunikation

Unentgeltliche redaktionelle Veröffentlichungen, die auf Unternehmen, ihre Produkte (Waren oder Dienstleistungen) hinweisen, dürfen nicht die Grenze zur Schleichwerbung überschreiten. Eine Überschreitung liegt insbesondere vor, wenn die Veröffentlichung über ein begründetes öffentliches Interesse oder das Informationsinteresse des Medienkonsumenten hinausgeht.

2. Verbot von Schleichwerbung

Kommerzielle Kommunikation, gleichgültig in welcher Form sie erscheint oder welchen Werbeträger sie benutzt, soll als solche eindeutig erkennbar und vom übrigen Inhalt klar getrennt sein. Wird sie in Werbeträgern veröffentlicht, die gleichzeitig Nachrichten und Meinungen publizieren, muss sie so gestaltet und gekennzeichnet sein, dass sie als bezahlte Einschaltung klar erkennbar ist.

7. PR-Botschaften auf bezahltem Raum

PR-Botschaften können auch auf bezahltem Raum, d.h. als Inserate, veröffentlicht werden. Um die Unterscheidung gegenüber dem Redaktionsteil sicherzustellen, sollen solche PR-Botschaften klar ersichtlich als «Werbe- oder Publireportage» bzw. als «Anzeige» oder «Inserat» bezeichnet werden.

Sind also der Hinweis auf der Titelseite und der entsprechende PR-Text auf Seite 13 unentgeltlich veröffentlichte Informationen von öffentlichem Interesse gemäss Ziff. 1 der Grundregel Nr. 3.12?

Über das öffentliche Interesse an der Frisco-Aktion lässt sich streiten. Persönlich finde ich, dass an Gratis-Glacen im Sommer sehr wohl ein öffentliches Interesse besteht. Aber ob das öffentliche Interesse wohl so gross ist, dass für die Meldung wertvoller Platz auf der Titelseite freigeräumt werden darf?

Die Unentgeltlichkeit des Hinweises bezweifle ich. Schliesslich prangt an genau dieser Stelle der Titelseite von NEWS seit Anfang Juli täglich ein Hinweis auf einen Beitrag. Und in vielen Fällen steht meines Erachtens ein kommerzielles Interesse im Vordergrund.

Aber auf Anfrage teilt mir die NEWS-Verlagsleitung mit, dass ihrer Meinung nach im Fall Frisco keine Verletzung der Grundregel vorliegt und begründet:

Es ist schlussendlich den einzelnen Medien überlassen, in wie weit Publikumsaktionen von Firmen Gegenstand der Berichterstattung sind.
Entscheidend für uns ist, dass eine solche Meldung nicht mit einer kommerziellen Vereinbarung der Firma verknüpft ist. Dies können wir auch in diesem Fall absolut ausschliessen.

Immer freitags findet man im NEWS die Ringtone-Charts. Für 4 Franken kann man sich seinen Lieblingssong als Klingelton runterladen. Der Service ermöglicht die Firma soundmedia.ch:

Bestimmt kann die Verlagsleitung auch in diesem Fall absolut ausschliessen, dass der Hinweis nicht mit einer kommerziellen Vereinbarung verknüpft ist…

Stutz mit Mamis

Donnerstag, Juni 4th, 2009

Die Migros-Idee, mit Hilfe quengelnder Kids den Verkauf anzukurbeln, bewährte sich bereits letztes Jahr: Die kleinsten Konsumenten sammelten wie wild Märmeli. Und wenn die Mutter ausnahmsweise im nähergelegenen Coop einkaufen wollte, gabs Geplärre. Logisch: Mit virtuellen Superpunkten kann man ja auch nicht so gut spielen.

Dieses Jahr setzt die Migros auf Paninibildli. Pro 20 Franken Einkauf gibts gratis ein Päckli mit fünf von insgesamt 200 Bildern. Kein Wunder, kauft manches Mami dem Töchterchen an der Kasse noch ein Schoggistängeli dazu, wenn der Einkauf nur gerade auf 19 Franken kommt. Und dank der Kooperation mit dem WWF und den pädagogisch wertvollen Regenwaldmotiven, müssen Eltern die “Stickermania”-Aktion gar nicht erst hinterfragen.

Wie schon bei den Märmeli, sind die vielen kleinen Geschenke mit einmaligen Fixkosten verbunden. Was im Vorjahr das Murmelbrett war (9.90 Franken), ist in diesem Jahr das Sammelalbum (5 Franken).

Die Aktion lohnt sich für die M-Genossenschaft also doppelt: Dank den Chläberli als Lockmittel, verkaufen sie generell mehr und mit dem Album ein zusätzliches Produkt.

Man könnte einwenden, der Preis für das gebundene Hochglanz-Album sei lediglich ein Unkostenbeitrag an die bestimmt hohen Herstellungskosten. Doch M-Mediensprecherin Monika Weibel verneint: “Auf allem was wir verkaufen haben wir eine Marge, auch auf den Stickermania-Alben. Schliesslich sind wir ein Detailhändler.” Wie viel der Gewinn pro Album beträgt, will sie nicht verraten. Ebenfalls keine Zahlen gibts von Frau Weibel zur Murmelmania-Aktion im letzten Jahr. Nur so viel: “Wir hatten am Schluss zu wenig Bretter, weil der Erfolg der Aktion noch viel grösser war, als erwartet. Dieses Jahr sind wir aber besser vorbereitet. Die Alben werden uns garantiert nicht ausgehen.”

So kommt auch das konservativste Mami nicht drumherum, ihre Kinder mit Sammelalben auszustatten und öfter in der Migros einzukaufen. Denn was gibt es schlimmeres für eine Mutter, als wenn ihr kleiner Liebling am Mittag mit Tränen in den Augen nach Hause kommt, nur weil er in der Pause nicht mittauschen konnte.

P.S.: An alle Mamis die finden, dieser Beitrag vermittle ein überholtes, zu traditionelles Frauenbild: Papi buchstabiert sich ohne M – deshalb.

Gummischrot-Tag

Donnerstag, April 30th, 2009

Morgen ist Tag der Arbeit. In Zürich wird sicher wieder demonstriert und randaliert. Schlecht für die Zürcher Steuerzahler, gut für das Designer-Duo mick&isa. Zu ihrer Kollektion “Urban Battle Gear” gehört nämlich auch ein “Original Gummischrot Schlüsselanhänger”. Die Patronen sammeln die beiden Künstler auf der Strasse. Und deshalb werden sie wohl auch morgen wieder unterwegs sein und Secondhand-Gummischrot auflesen.

Kaufen kann man so einen Schlüsselanhänger zum Beispiel im Zürcher Cabaret Voltaire zum Preis von 12 Franken. Der Verpackung kann entnommen werden, bei welcher Schlacht die Polizei das sechseckige Teil in Richtung Demonstranten schoss. Mein Gummischrot (Bild) war vor genau zwei Jahren in Zürich im Einsatz.

Der Angriff von Menstruationsperioden

Sonntag, März 8th, 2009

Die Produkte des indischen Heilmittelherstellers Himalaya sind nicht nur in Indien beliebt. Immer mehr Europäer (bzw. vor allem -innen) finden die ayurvedische Medizin spitze.

Einige wenige Präparate gibts auch in Schweizer Apotheken zu kaufen. Ein weit grösseres Sortiment kann über himalayadirect.com bestellt werden, geliefert wird aus Lettland. Wie es sich für eine Gesundheits-Website gehört, informiert himalayadirect.com auch über Krankheiten – selbstverständlich mehrsprachig. Weniger verständlich ist hingegen, weshalb ein leicht überfordertertes Computerprogramm die Seiten übersetzen musste. Oder waren es indische Kinder?

Hier die originellsten Begriffserklärungen aus dem Glossar:

Menarche
der Angriff von Menstruationsperioden

Machtlosigkeit
Unfähigkeit, sich im sexuellen Verkehr zu engagieren

Lösemittel
eine Droge, die die Beseitigung des Sputums von der Atmungsfläche fördert oder erhöht, indem es hustet

Übelkeit
verursacht Empfindung der Krankheit des Magens, die möglicherweise nicht zum Erbrechen fortfahren kann oder kann

Incontinence
Unfähigkeit, die Evakuierung des Urins oder der Rückstände zu steuern

Antitussive
irgendwelche Masse, die Husten unterdrücken

Purgative
Mittel, das Evakuierung der Därme verursacht

Lochia
Entladung nach Geburt

Hilfe
wird verwendet, in der Tätigkeit einer anderen Droge hinzuzufügen

Bluthusten
des Bluts oben husten

Bronchitis
Krankheit verursacht durch die Entzündung des bronchialen Baums in den Lungen

Pheochromocytoma
eine Bedingung, in der es einen Tumor des adrenalen Medulla oder der strukturell ähnlichen Gewebe gibt, die mit der sympatischen Kette verbunden sind

Anthelmintisch
Mittel, die intestinale Endlosschrauben zerstören oder wegtreiben (z.B. Vidanga, männliche Farnwurzel, Chenopodium)

Astringierend
ein Mittel, die Vertrag abschließen, die Haut und Kontrollen ölen Absonderung. Es regt auch Epithel (Haut) Zelle Wachstum am Ort, Taten als Antiseptikum und ein schützendes Mittel an.

Für noch mehr Kuriositäten aus dem Gerümpelkammer menschlich Organitätes: Glossar von himalayadirect.com ansurfen und oben rechts die deutsche Sprache wählen!

Hugo verlässt Migros

Freitag, Januar 2nd, 2009

Per 1.1.2009 verliess Hugo von den Lilibiggs das Team “Catch the Kids” der Migros-Marketingabteilung. Seine Aufgabe dort war es, die kleinsten Konsumenten mit Märmeli in die Läden zu locken. Durch seine Auftritte in Medien und Werbung geniesst Hugo mittlerweile einen weiten Bekanntheitsgrad.

In der Zukunft will sich Hugo ganz seiner Leidenschaft Zirkus widmen. Dazu der Lillibigg: “Es war eine Entscheidung für den Zirkus, nicht gegen die Migros.”

Ob er den Schritt schon bald bereuen würde, wird sich zeigen. In einem ersten Interview gegenüber SF2 am Freitagabend zeigte sich der kleine Kinderfreund leicht unsicher und verwirrt. Es könnte also gut sein, dass das blaue Ding mit rotem Hut und schwarzer Nase schon bald wieder per Migros-Magazin in Ihren Haushalt flattert.

P.S.: Der Schweizerische Tierschutz STS findet es übrigens daneben, dass Hugo jetzt beim Zirkus ist.

Bilder: SF

Züri_Lounge

Montag, September 8th, 2008

Stilvorstellungen

Dienstag, August 19th, 2008

Man stelle sich diesen Mann vor: An den Füssen die grellen Retro-Schuhe Nr. 1, am Arm die goldene Nr. 3, im Gesicht eine pink-braune Nr. 4, cool den “simplen” Nr. 5 umgehängt, in der Hand das intellektuelle Nr. 2 und den intensiven Ingwer-Duft Nr. 6 verströmend.

Und man stelle sich den Mann vor, der 57 Seiten Frauenwerbung durchblättert und auf Seite 58 des Celebrity- und Fashion-Magazins SI Style die Männerseite entdeckt.

Quelle: SI Style (September 2008, Seite 58)

Es si alli so nätt

Montag, August 18th, 2008

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11. Juli 2008

In der Gratiszeitung “NEWS” steht wieder einmal genau dasselbe wie im Konkurrenzblatt “20 Minuten”. Sogar die Werbung wiederholt sich. Es scheint, als würde am heutigen Tag die Schweiz nur ein Thema interessieren: Das neue “iPhone”. Das Mobiltelefon von “Apple”. Mit dem begehrten Gerät kann man nicht nur telefonieren, sondern auch im Internet surfen, seine E-Mails abrufen oder mit Hilfe des integrierten GPS-Empfängers und “Google Maps” den schnellsten Weg zur Tramhaltestelle anzeigen lassen.

Nicht nur für die Medien ist das “iPhone” heute ein grosses Thema. Für mich steht schon lange fest, dass ich mir das Kultgerät beschaffen würde. So vergleiche ich kurz die Angebote der beiden Mobilfunkanbieter “Swisscom” und “Orange” und entscheide mich für den letzteren. Dann bestelle ich online.

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12. Juli 2008

17 Stunden nachdem ich per Kreditkarte 400 Franken für das kleine Wunderding bezahlt hatte, erreicht mich per E-Mail eine automatische Bestätigung:

Herzlichen Dank, dass Sie sich für Orange entschieden haben. Ihre iPhone 3G Bestellung wurde aufgenommen. Die Lieferung erfolgt so schnell wie möglich.

“Da will mich jemand auf den Arm nehmen”, denke ich und teile per Webformular mit, man möge mich doch bitte über das Lieferdatum informieren.

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16. Juli 2008

“Lieber spät als gar nie”, sage ich mir, als mich heute eine Antwort erreicht:

Da der Ansturm auf das iPhone sehr gross ist, können wir leider keine Lieferfristen angeben.

“Orange”, die Tochter der “France Télécom” und das zweitgrösste internationale Mobilfunknetzwerk, kann es sich anscheinend leisten, seine Kunden mit (k)einer Antwort zwei Tage warten zu lassen.

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17. Juli 2008

Mein “iPhone” ist da. Am falschen Ort zwar. Irgendwo ist wohl meine Adressänderung, welche ich Tage zuvor mitgeteilt hatte, im orangen System untergegangen. Die 40 Franken für die 20 Liter Benzin, welches mein kleines Auto für die Strecke Zürich-Bern-Zürich benötigt, können mir den 17. Juli aber nicht verderben.

Nun liegt es vor mir, das in Kalifornien designte und in China hergestellte “iPhone”. Jetzt muss nur noch die SIM-Karte reingeschoben werden und der Spass kann beginnen. Das Gerät wird nämlich mit geladenem Akku ausgeliefert. Apple kennt seine Kunden und weiss wie sie ticken. Wer endlich ein “iPhone” in den Händen hält will es ausprobieren und nicht zuvor noch acht Stunden die Batterien laden.

Nur wo ist die verflixte SIM-Karte? Wie ein Junkie, welcher im Park nach vergrabenen Drogen sucht, wühle ich in der schwarzen, glänzenden Box. Nichts. Es ist tatsächlich keine Karte mitgeliefert worden.

Meine alte SIM-Karte hilft leider auch nicht weiter, denn diese entspricht nicht dem neusten Stand der Technik und lässt sich gar nicht erst in das Gerät einsetzen.

Aus reiner Verzweiflung melde mich bei der orangen Version der “Dargebotenen Hand”: 0800 707 707:

Willkomme bi Orange, wie chan ich Ihne wiiterhälfe?

Ich erkundige mich nach der SIM-Karte.

Händ si ide Box glueget?

Händ si gnau glueget?

Komisch. Ja so öppis isch ärgerlich. Tuet mer wahnsinnig leid. Am beschte gönd Si inen Orange-Shop. Det hälfets Ihne gern wiiter. Ich wünsche Ihne no en wunderschöne Abig.

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18. Juli 2008

Im “Orange Center” beim HB Zürich werde ich herzlich empfangen. Ein kompetent wirkender Herr mit graumeliertem Haar begrüsst mich persönlich und erkundigt sich nach meinem Problem. Dann nickt er verständnisvoll und bittet mich höflich, eine Nummer zu ziehen. Ich gehorche und setze mich auf einen weissen Lederwürfel.

Ich warte. Der nette Angestellte mit den graumelierten Haaren bringt mir ein mit Wasser gefüllter Plastikbecher und dankt für meine Geduld. Und ich bedanke mich ähnlich freundlich für das Mineralwasser.

An der von hinten beleuchteten, weissen Kunststoffwand hängt ein Flachbildschirm, welcher Fotos von Kundenberatern zeigt. Neben den Gesichtern stehen Nummern geschrieben. Ein sehr persönliches System. Nicht wie bei der Post, wo der Nummer 358 klar gemacht wird, sie solle sich doch bitte bei Schalter G melden. Meine Nummer erscheint. Direkt neben dem Bild einer jungen, hübschen und nett lächelnden Frau mit dem wohlklingenden Namen Svetlana*.

Ich erkläre meiner persönlichen Kundenberaterin das Problem und sie entschuldigt sich bei mir. In einem Tonfall; als hätte sie soeben meine Katze überfahren. Sie will mir das Gefühl vermitteln, mich voll und ganz zu verstehen. Dann greift Svetlana zum Telefonhörer.

Nach zwei Minuten Wartezeit wird ihr Anruf entgegengenommen und sogleich weitergeleitet. Dann kann die schöne Svetlana in der hübschen Uniform mein Problem einer Kollegin übermitteln und muss sogleich wieder warten. So steht Svetlana hinter ihrem Stehpult, lauscht dem “Orange”-Corporate-Sound im Telefonhörer und grüsst alle Kunden, welche den Laden betreten. In einer Freundlichkeit die einem Angst machen könnte.

Fünf “Grüezi” später beginnt sie endlich, wieder in den Hörer zu reden. Nickt, versteht, bedankt sich, wünscht der Kollegin am Telefon ein schönes Wochenende und hängt auf. Und dann setzt sie wieder den Hundeblick auf:

Es tuet mer wahnsinnig leid, aber ich cha ine leider kei SIM-Charte gä. Die Lüt, wo Ihres Problem chönnted löse, sind leider bereits im Wuchenänd. Lüted si doch am Mäntig uf die Nummere a.

Sie kritzelt 0800 780 500 auf einen Post-it-Zettel und drückt noch ein letztes Mal ihr Bedauern aus.

(In Los Angeles würde man ihr Verhalten “Method-Acting” nennen, an der HSG St. Gallen “Handeln nach dem Harvard-Prinzip”.)

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21. Juli 2008

Frühmorgens wähle ich die Telefonnummer.

Willkomme bi Orange min Name isch Thomas Grütter*, was chan ich für sie tue?

Ich erkläre mein Problem und Herr Grütter weiss auch nicht weiter. Das sagt er aber erst, nachdem er mir gegenüber sein Bedauern ausgedrückt hat. Er verspricht, mich noch vor dem Mittag zurückzurufen.

Natürlich ruft mich niemand an.

Nach weiteren Anrufen wird mir am späten Nachmittag Hilfe angeboten. Dazu sind anscheinend intensive Abklärungen nötig. So wird mein Ohr während vielen langen Minuten mit einem orangen Klangteppich malträtiert. Dazwischen erkläre ich immer wieder mein Problem. Nach einer halben Stunde kann mir dann endlich ein Manager erklären, dass mein Problem bekannt sei, er jedoch nichts für mich tun könne. Ich müsse einfach warten, bis mir mit separater Post die SIM-Karte zugeschickt würde. Und selbstverständlich tue es ihm schrecklich leid, dass mir das bisher niemand so sagen konnte. Das Gerät sei halt neu und die Sache kompliziert.

Zwei Stunden später kommt der Anruf von meiner Mutter, der Pöstler habe einen eingeschriebenen Brief für mich vorbeigebracht, aber wieder mitgenommen, da sie nicht für mich habe unterschreiben dürfen. Anscheinend ist die Adressänderung bei “Orange” immer noch nicht registriert worden.

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29. Juli 2008

Trotz Erhalt der SIM-Karte, zieht sich die Geschichte mit meinem “iPhone” in die Länge. Das Mobiltelefon lässt sich zwar nun entsperren, telefonieren kann ich damit aber nicht. Das ändert zwar ein Anruf bei der Hotline, aber die Datenverbindung steht immer noch nicht.

Ich melde mich erneut unter 0800 700 700 und erhalte eine verwirrende Antwort:

Da chömmer leider nüt mache, da müend si morn uf d Apple-Hotline alüte. Die chönd das für Sie konfiguriere.

Die Antwort macht mich stutzig. Wenn das wirklich so wäre – so kompliziert, mit konfigurieren und so – müsste wohl wenigstens irgendwo etwas in diese Richtung in den Unterlagen erwähnt werden. Aber da steht nichts geschrieben. Und der Website von “Orange” entnehme ich nur folgende Sätze:

Technische Neuerungen sind unnütz, wenn sie nicht problemlos zu nutzen sind. Deshalb ist Orange besonders bestrebt, neue Dienstleistungen zu entwickeln, die leicht zu nutzen sind.

Ich wähle nochmals die Rufnummer der heissen Linie von “Orange”. Diesmal erhalte ich eine andere Antwort:

Nei, Apple müend si nöd alüüte, das sött eigentlich scho funktioniere. Aber ich gibe zue, hüt Abig hämmer es Problem mit em Datevercheer. Es tuet euis leid und mir bittet sie um Geduld.

Der Browser zeigt immer noch die Fehlermeldung vom Vorabend.

Noch am selben Tag stehe ich – natürlich wieder zur Stosszeit – erneut im “Orange Center” beim HB und ziehe entnervt ein Nümmerli. Der Graumelierte steht nicht im Eingang. Ich würde mich an seiner Stelle auch verstecken.

Als ich endlich bei Svetlana stehe, erklärt sie mir nach den üblichen Höflichkeiten, dass sie sich leider mit den Netzwerkeinstellungen nicht so gut auskenne:

Mir Mitarbeiter chönd drum no keis iPhone chaufe. Eusi Chunde händ Vorrang.

Eine gute Viertelstunde und einige “Resets” später bringt die gute Frau mein “iPhone” doch noch zum Daten übertragen.
Endlich bin ich am Ziel angelangt. Ich bin glücklich, bedanke mich sogar bei Svetlana und mit einem Grinsen auf dem Gesicht verlasse ich das Kundencenter.
Auf der Türschwelle erreicht mich dann die erste SMS:

Sie haben unseren Kundendienst angerufen. Teilen Sie uns Ihre Meinung zu unserer Qualität mit und rufen Sie gratis auf 0800 780 720 an.
Orange

*Alle Namen von Kobi geändert