So. Es wird Zeit für ein seriöses Update. Keine Pizzarechnung, keine Druckfehler von 15min.lt, sondern eine relativ ernst gemeinte Zusammenfassung meines ersten Monats in Vilnius:
Am Montag nach meiner Ankunft ging es gleich los. Es erwartete mich ein gedrängtes Programm. Der dreiwöchige Einführungskurs, in welchem die litauische Sprache, Geschichte und Kultur vermittelt wurden, war interessant und intensiv zugleich. Der Kurs beinhaltete ein Programm das von Montag bis Samstag die Tage ausfüllte: Eine tägliche Ration Sprachschule, die Besichtigung von Museen, Vorträge von Professoren und Exkursionen. Sowie ganz viel Essen. Die Litauer lieben es, ihre Gäste kulinarisch zu verwöhnen.
Nicht selten wird zuviel des Guten aufgetischt: So geschehen während unserer Abschlussexkursion ins Freiluftmuseum von Rumšiškės. Nachdem wir am Morgen mit dem Minibus der Universität von einem rekonstruierten litauischen Bauernhaus zum nächsten rekonstruierten litauischen Bauernhaus gefahren worden sind, erwartete uns am frühen Nachmittag eine grosszügige litauische Mahlzeit in einem rekonstruierten litauischen Bauernhaus. Nach einer Fleischplatte (und Vodka) assen wir Kartoffeln mit Sauerkraut und Würsten (und tranken dazu Vodka) und zum Dessert gab es Käse und Honig (und noch mehr Vodka). Käse und Honig? Ja, das ist fantastisch. Unbedingt mal probieren! Nach einem traditionellen litauischen Animationsprogramm (immer noch in einem rekonstruierten litauischen Bauernhaus) sind wir dann leicht angetrunken und mit gefüllten Bäuchen zurück nach Vilnius chauffiert worden. Dort erwartete uns, nur zwei Stunden nach dem letzten Bissen in Rumšiškės, das Abschlussessen unseres Sprachkurses: Ein 4-Gang-Menu in einem der besten Restaurants von Vilnius. Wir hatten schon nach dem 1. Gang zuviel gegessen, aber was rein muss, muss rein.
Zu den von den Kursorganisatoren verplanten Tagen kamen die von uns Studenten verplanten Nächte noch dazu. Zum Beispiel in der Disco Prospecto. Jeden Dienstag läuft dort die berühmte bzw. berüchtigte Erasmus-Party über die Bühne. Der DJ spielt die internationalen RnB-Hits und kreischt dann und wann ins Mikrofon: “Lets see who we got here tonight. Are there people from France?” Und die Franzosen kreischen betrunken irgendwas zurück. Falls sie nicht gerade auf der “Dachterasse” betrunken französische Chansons am kreischen sind. Natürlich ist das ein Negativbeispiel von Clubkultur (und Studentenkultur), aber ich habe auch anderes erlebt, zum Beispiel eine wilde Party im Woo oder guten Rock im Bix sowie gemütliches Verhöcklen in kleinen Bars.
Ach und fast hätte ichs vergessen: Wir besuchten auch die Oper mit der Klasse. Rigoletto von Verdi. Das Opernhaus wurde zur Sovietzeit erbaut und kommt glamourös daher. Ein riesiges Foyer mit Teppichböden, Ledersesseln und einer Tradition aus der Zeit wo noch die Russen das sagen hatten: Heisse Schokolade, dickflüssig in Espressotassli mit Löffeli serviert. Hmm. Und noch etwas hat anscheinend Tradition. In der Pause drehen die Zuschauer endlose Runden auf dem Flur. Wie kleine Entchen watscheln sie einander hinterher. Immer schön Päärchenweise und zusammen plaudernd. Recht lustig anzusehen. Runde um Runde, bis es läutet. Ein mir bisher gänzlich unbekanntes Phänomen. Ebenfalls erstaunte mich wie angesagt die Oper in Vilnius bei jungen Leuten ist. Ob es am bezahlbaren Ticket liegt? Ein Eintritt kostet CHF 17.-.
Zum Beweis, dass wir nun ein bisschen was in Litauisch verstehen sollten, mussten wir zum Ende des Kurses eine Prüfung ablegen, wofür wir dann ein wunderschönes, handgefertigtes Diplom der Universität Vilnius erhielten. In grafischer Hinsicht gibt es viel mehr her, als mein viel härter erarbeitetes Bachelordiplom der Universität Fribourg. Es sieht so professionell aus, ich glaube ich werds einrahmen und im zukünftigen Büro aufhängen. Wenn mich dann jemand fragen sollte, was das kauderwelsch auf dem Diplom denn bedeute, dann sage ich einfach, das sei mein Ehrendoktor der Universität Vilnius für meine Bemühungen, das schöne Land im Baltikum den deutschsprachigen Westeuropäern ein wenig näher zu bringen.
Zum Schluss aber noch ein paar kommentierte Bilder (mehr Fotos gibt’s hier):
Aussicht aus meinem Zimmer, am frühen morgen…
Meine Klasse von links nach rechts: Tomasz (Polen), Yvetta (Tschechien), Elisabetta (Italien), Mario (Spanien), Mickael (Frankreich). Und ich vorne.
Ausflug zur Burg Trakai
Elisabetta war kreativ während unserem “Craft Workshop”
Ein rekonstruiertes litauisches Haus in Rumšiškės
Dasselbe in Französisch und noch mehr Fotos gibt es im Blog meines französischen Schulkollegen Mike!