Mysore

Februar 24th, 2010

Mit einem staatlichen Bus fuhr ich von Bangalore nach Mysore, einer mittelgrossen Stadt im Staat Karnataka. Die dreistündige Fahrt wahr nicht wirklich angenehm, die Stossdämpfer des alten Gefährts hätten wohl schon lange mal ausgewechselt werden müssen. Durchgeschüttelt erreichte ich am späteren Nachmittag Mysore. Dort checkte ich ins altehrwürdige Hotel Dasaprakash ein. Es war nicht einfach dorthin zu gelangen, weil mir ein “Friend” unbedingt eines seiner vergammelten Zimmer andrehen wollte (obwohl: “You know, I don’t get comission, I am not one of those, I just enjoy your friendship!”).

Viel zu sehen gibt es in Mysore nicht, aber der Maharaja-Palast, der 1902 nach einem Brand des frühreren Holzpalastes neu gebaut wurde, wird immer Sonntags zwischen 19.00 und 20.00 Uhr mit 40′000 Glühbirnen an der Fassade erleuchtet. Und das sieht dann so aus:

Wahrscheinlich sind zehn Angestellte mit nichts anderem als Birnen auswechseln beschäftigt.

Am nächsten Tag guckte ich mir den Palast noch von innen an. Der Eintritt beträgt für Inder 20 Rupien (CHF 0.50), für Ausländer 200 Rupien (CHF 5.00). Was für eine Diskriminierung. Ich bezahlte also 200 Rupien und betrat das Gelände. Bevor ich ins Innere des Hauptgebäudes durfte, musste ich noch zweimal bezahlen. Einmal um die Fotokamera bewachen zu lassen, denn die darf man nicht mitnehmen und nocheinmal, um die Schuhe bewachen zu lassen, denn die dürfen auch nicht mit. Und zu guter Letzt musste ich auch noch meine Identitätskarte abgeben, als Depot für einen Audioguide.

Der Besuch hat sich nicht nur wegen des schönen Palastes gelohnt. Neben einer indischen Grossfamilie die unbedingt ein Foto mit einem Weissen wollte (siehe Bild), lernte ich dort auch Adele kennen, eine Kanadierin mit indischen Wurzeln, die zur Zeit in einem Kinderheim in Mysore arbeitet. Ich erhielt die Gelegenheit, im Waisenhaus vorbeizuschauen.

Im Haus “Asha Bhavana” der privaten indischen Hilfsorganisation RLHP Mysore leben zur Zeit 20 Mädchen. Alle haben sie ein Bett, erhalten täglich warme Mahlzeiten und können eine staatliche Schule besuchen. Mit wenigen Ausnahmen sind alle Mädchen im Heim Vollwaisen. RLHP’s Streetworker versuchen nämlich, wenn immer möglich, den Eltern der Slumkinder Alternativen zur Bettelarbeit ihrer Kinder aufzuzeigen, so dass die Kleinsten wieder die Schule besuchen können. Nur in wenigen Fällen gelingt die Rückführung nicht. Zum Beispiel im Falle des kleinen Mädchens, dessen Eltern ihr die Hand verätzten, damit ihre Tochter mehr Geld vom Betteln mit nach Hause bringt. Das traumatisierte Mädchen wird nun bis zu ihrem Schulabschluss hier leben. Bis um vier Uhr sind die Mädchen in der Schule, die Zeit bis zum Nachtessen verbringen sie mit Spielen, zusätzlichem Englischunterricht und Meditation. Einmal in der Woche findet der “Familienrat” statt. Dann werden Probleme besprochen und Entscheidungen getroffen. Sogar über das Budget sind alle informiert, grössere Anschaffungen werden demokratisch beschlossen – natürlich unter Aufsicht der Leiterinnen.

Ich war wirklich begeistert, was diese Mädchen trotz (oder vielleicht gerade wegen) ihren traurigen Schicksalen für eine Lebensfreude ausstrahlen. Und wie Adele mir erzählte, sind die Streetworkerinnen und Heimleiterinnen mit Leib und Seele unermüdlich im Einsatz, um das Leben der Slumkinder zu verbesseren – ihnen eine Zukunft zu schenken. CHF 200.00 pro Kind und Jahr kosten Unterkunft, Essen und Schulmaterial. Als private Organisation ist RLHP Mysore auf Spendengelder angewiesen und wird unter anderem von der Bundesrepublik Deutschland finanziell unterstützt.


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Das Jungfraudrama von Indien

Februar 24th, 2010

Auch in Indien gibt es hohe Berge, auch in Indien begraben Lawinen Menschen. Diesmal traf es eine 60-köpfige Armeetruppe auf einer Übung – 15 Tote, 17 Schwerverletzte. Die Story war zwar auf der Titelseite der Times of India, aber kritische Fragen tauchten in der Berichterstattung keine auf. (Denn was gibt es da noch gross zu fragen? Schliesslich ist ja die Lawine schuld.) Ich ging davon aus, dass das tragische Ereignis von den Medien nicht weiterverfolgt würde. Umso mehr freute ich mich, als ich am übernächsten Tag in einer anderen Zeitung dieses Bild entdeckte:

Ob das “Rescue team in action” mittlerweile am Unfallort angekommen ist? Ich weiss es nicht.

Karnataka-Safari

Februar 20th, 2010

Im Nachtfbus fuhr ich von Goa nach Bangalore im Staat Karnataka. Nach Sonnenaufgang konnte ich bequem von meiner hochgelegenen Schlafkoje aus Kultur, Architektur, Politik und technische Errungenschaften der Menschheit erleben und ein paar Ausschnitte davon mit meiner Kamera festhalten:


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Aircel

Februar 13th, 2010

Nun bin ich also bereits eine Woche lang alleine unterwegs. Fuer meinen Blog blieb aber kaum Zeit, da ich staendig auf Achse war. Heute haette ich wieder einmal ein bisschen Zeit, da ich zwecks Durchfall keine grossen Spruenge machen kann. In diesem Internetcafe – wahrscheinlich dem einzigen in dem Kaff wo ich momentan bin – ist es jedoch strengstens verboten, die Fotokamera an die Computer anzuschliessen. Da es soviel zu zeigen gaebe, erzaehle ich deshalb eine Geschichte, die auch ohne Bilder auskommt:

Aircel – India’s Pioneer in Mobile Services and Technology. With over 25 million happy customers in the country, Aircel is a full-fledged national operator.

Quelle: aircel.co.in

Mobiltelefonieren in Indien ist guenstig. Mit einer indischen SIM-Karte kostet ein nationales Telefongespraech 1 Rupie pro Minute, das sind 2.5 Rappen. Ein SMS in die Schweiz kostet 5 Rupien, also etwa 15 Rappen. So habe ich mir also in Goa eine indische SIM-Karte gekauft. Ich entschied mich fuer “Aircel”, denn mir wurde versichert, ich koenne die Karte sofort nach Registrierung benutzen, bei “Vodafone” muesste ich hingegen zwei Tage bis zur Aufschaltung warten.

Fuer 200 Rupien fuellte mir ein junger Inder waehrend einer halben Stunde alle Formulare aus und klebte mein Passfoto auf. Dann kriegte ich die SIM-Karte. Auf der Verpackung stand geschrieben: “For sale in Maharashtra only”. In einem Land, in dem es ein Getraenk gibt, dessen Logo aussieht wie das von “Fanta”, das aber “Funs Up” heisst, spielt es keine Rolle, dass mir in Goa eine SIM-Karte verkauft wird, die eigentlich nur im noerdlicheren Staat Maharashtra verkauft werden duerfte. Und tatsaechlich: Es funktionierte. Abgesehen davon, dass nicht alle SMS aus der Schweiz bei mir ankamen, funktionierte alles tadellos. Nach jedem Telefongespraech erhielt ich eine Nachricht mit meinem aktuellen Kontostand. Toller Service.

Im Staat Tamil Nadu, genauer gesagt in Ooty, einer kleinen Stadt auf 2′000 m.ue.M. musste ich meine SIM-Karte aufladen, ich hatte nur noch 7.02 Rupien auf meinem Konto. Ich kaufte mir also bei einem Kiosk drei “Top Up Cards” von Aircel fuer je 50 Rupien. Pro Karte koennte ich 43.33 Rupien zum telefonieren nutzen, die verbleibenden je 6.67 Rupien wuerden gemaess Aufdruck auf der Rubbelkarte fuer Service-Kosten und Steuern draufgehen. Was solls, ich tippte also den ersten 13-stelligen Code in mein Telefon ein. Die Antwort kam gleich nach dem lossenden des Codes: “Netzwerkproblem”. Zurueck im Shop, erklaerte man mir, dass ich mit den gekauften Rubbelkarten keine SIM-Karte aus dem Staat Maharashtra aufladen koenne. Das Guthaben koenne nur mit “Easy Top Up” erhoeht werden. Hmm. Erstaunlicherweise nahm der Verkaeufer die Karten anstandslos zurueck, sogar die bereits aufgerubelte. Mit meinen 150 Rupien machte ich mich auf den Weg, einen Ort zu finden, wo sogenanntes “Easy Top Up” moeglich ist.

Ich traf auf einen Aircel-Store. Zwei junge Inderinnen sassen im modernen, klimatisierten Raum und telefonierten mit ihren Handys. Als ich den Raum betrat hielten beide ihr Telefon sofort unters Pult und fragten fast gleichzeitig: “Yes Sir?” Ich erklaerte was ich wolle, worauf sie mir zu verstehen gaben, dass sie nur Formulare fuer Abonnemente ausfuellen koennten, aber keine Prepaidkarten aufladen. Sie sandten mich zwei Haeuser weiter, zu “GPL Mobiles”.

“GPL Mobiles” war ein kleines, von einer muslimischen Familie gefuehrtes Geschaeft, das neben Mobiltelefonen auch Fernseher und goldene Uhren verkauft. Hinter dem Tresen standen Vater und Sohn. Der etwa 15-jaehrige Bub mit Seitenscheitel, Kaeppi und dickem Brillenglas schien fuer die sogenannten “Easy Top Ups” zustaendig zu sein.

“Easy Top Up” funktioniert folgendermassen: Der Haendler kauft 1′000 Rupien Guthaben ein und bezahlt dafuer etwas weniger. In sein Mobiltelefon tippt er dann die Mobiltelefonnummer des Geraetes ein, das aufgeladen werden soll, worauf das entsprechende Guthaben von seinem Konto abgebucht und der Karte des Kunden gutgeschrieben wird.

Ich bezahlte 300 Rupien (CHF 7.50), um mich bis zu meiner Rueckkehr in die Schweiz nicht mehr um “Top Ups” kuemmern zu muessen. Der Bub tippte auf seinem Mobiltelefon rum und schon bekam ich auch eine SMS zugeschickt: “Your account has been successfully recharged. Ammount: Rs.0.00 Account balance: Rs.7.05″. Ich zeigte die SMS dem jungen Verkaeufer und dieser wiederum zeigte mir die SMS, die er zur gleichen Zeit erhalten hatte. Dort stand, dass 300 Rupien von seinem Konto abgebucht worden sind. Oje. Ich sagte, ihm, dass mir das egal sei, er habe dafuer zu sorgen, dass mir 300 Rupien gutgeschrieben wuerden. Dann mischte sich sein baertiger Vater ein. Er waehlte mit seinem Handy die Hotline von Aircel. Nach langem hin- und her in tamilischer Sprache, kam er zum Schluss, dass die Tamil-Nadu-Aircel-Hotline nicht weiterhelfen koenne. Er muesste die Aircel-Hotline des Staates Maharashtra anrufen und die kenne er nicht: “I am really helpless, Sir.” Dann wandte er sich einem anderen Kunden zu.

Fuer mich war klar, die wollten mich nicht bescheissen. Das Problem liegt irgendwo im komischen indischen Mobilfunksystem, das zwischen den verschiedenen Staaten nicht wirklich kompatibel zu sein scheint.

Ich ging zuerueck zu den zwei telefonierenden Ladies in ihrem klimatisierten Aircel-Shop. Ich erklaerte der Frau die rechts sass mein Problem. Sie nahm ihr Mobiltelefon von ihrem Schoss hoch, sprach etwas ins Mikrofon und haengte auf. Die Frau links telefonierte weiter. Die Aircel-Frau war mit meinem Problem ein bisschen ueberfordert und fragte mich, ob ich denn die Nummer der Maharshtra-Hotline von Aircel kennen wuerde. Ich wurde ein bisschen ranzig und sagte, dass ich ja hier sei, weil ich diese Nummer nicht kennen wuerde und ausserdem sei dies sei ja ein Aircel-Shop und sie solle sich doch bitte um mein Problem kuemmern. Sie klickte was auf ihrem Computer rum und waehlte dann mit meinem Telefon die Maharashtra-Hotline. Es folgte wiederum ein langes Gespraech – in Englisch. Dann erklaerte sie mir, was ihr soeben erklaert worden sei: Es sei nicht moeglich, eine Karte aus dem Staat Maharashtra im Staat Tamil Nadu mit Rupien aufzuladen. Hingegen haette ich nun 400 Gespraechsminuten fuer lokale Gespraeche, bzw. 200 Gespraechsminuten fuer nationale Gespraeche auf meinem Konto. Die 300 Rupien seien also in Gespraechsguthaben umgewandelt worden, weshalb sich mein Kontostand nicht veraendert habe. Ok, das war nicht was ich wollte. Ich wurde noch ein bisschen saurer, da ich das alles nicht verstehen konnte. Die arme Frau forderte mich auf, selber die Maharashtra-Hotline anzurufen, vielleicht wuerde ich dann ja verstehen. Also drueckte ich die Wiederholungstaste:

“Welcome to Aircel, what can I do for you?” Einmal mehr erklaerte ich mein Problem. Und der Mann von der Hotline erzaehlte mir noch einmal genau dasselbe, was mir zuvor die Frau von Aircel erklaerte. Ich entgegnete, dass ich die 300 Rupien brauchen wuerde um SMS zu senden und ich keine Gespraechsminuten wolle. Er solle mir doch verdammt nochmal einfach die 300 Rupien gutschreiben, das koenne doch nicht so schwierig sein. “I really cannot do this, Sir, I am really sorry, Sir.” Ich resignierte und verabschiedete mich, worauf der Typ am anderen Ende fragte: “Is there anything else I can do for you, Sir?” There was nothing you’ve done for me, so why you asking me this stupid question???

Ich ging zurueck in mein Hostel und taetigte einen nationalen Anruf. Schliesslich musste ich nun ja in wenigen Tagen 200 Gespraechsminuten vertelefonieren. Nach ein paar Minuten machte es “Pling Plong” und die Leitung war tot. Eine darauffolgende SMS bestaetigte mir, dass ich die letzten 7 Rupien aufgebraucht haette. Ich wollte veraergert die Maharashtra-Aircel-Hotline anrufen, um zu fragen, wo nun meine vielen Gespraechsminuten bleiben wuerden. Gluecklicherweise war die Nummer immer noch in der Liste der getaetigten Anrufe gespeichert. Ich klickte auf “Anrufen”; erneut machte es “Pling Plong”.

Ab sofort bin ich wieder ueber meine Schweizer Nummer erreichbar.

Goa-Party

Februar 8th, 2010

Wir verliessen den Norden und fuhren zurueck nach Agonda. Wir waren bei Viktor, dem Land- und Kioskbesitzer von unserem “Sandy Feet”, zum Nachtessen eingeladen. Das liessen wir uns nicht entgehen. Bereits als wir am Dienstagnachmittag nach Agonda fuhren, erzaehlte uns der Taxichauffeur von einem riesigen Festival, das am Wochenende in Agonda stattfinden soll. Eine richtige Goaparty – mitten im Dschungel.

Bereits am naechsten Tag, kam erhielten wir von einer jungen Frau einen Flyer in die Hand gedrueckt:

Es sollte eine massive Party werden: Drei Tage, ueber 40 DJs und mit bis zu 2′000 Teilnehmern. 600 Tickets seien bereits vorverkauft.

Wie ich ja bereits geschrieben hatte, finden in Goa kaum mehr Open-Air Raves statt. Ich entschied mich also nach langem hin und her dafuer, den Zug nach Bangalore ohne mich fahren zu lassen. Eine Goa-Party in Goa wollte ich mir dann eben doch nicht entgehen lassen.

Am Abend kam mir dann eine weniger schoene Nachricht zu Ohren: Der Eintrittspreis wuerde 2′500 Rupies betragen, das sind etwa 65 Franken. Definitiv sehr sehr teuer, fuer indische Verhaeltnisse. Mir wurde dann erklaert, dass es viel kosten wuerde, alle Bewilligungen fuer eine solch grosse Party “einzuholen”, um so zu verhindern, dass die Behoerden die Party abbrechen wuerden.

Am Mittwochmorgen, zwei Tage vor Festivalbeginn, folgte dann die naechste unerfreuliche Nachricht. Ich kam gerade schlaftrunken aus meinem Bambushaeuschen, da sagt Rana vom “Sandy Feet” zu mir: “The party is cancelled, they destroyed everything.” Ich schlug die Zeitung auf und bestellte einen Kaffee:

Es folgte ein Tag, an dem viel geredet wurde, aber niemand wirklich eine Ahnung hatte. Die Party finde nun im 20 Minuten entfernten Patnem statt, hiess es ploetzlich. Andere fanden, dass die Party sehr wohl in Agonda stattfinden wuerde, die Behoerden wuerden nur mehr Geld verlangen.

Am Nachmittag kam ich mit einem deutsch/oesterreichischen Paar ins Gespraech, die sich fuer Tickets interessierten und die auf dem Flyer aufgedruckte Infonummer angerufen hatten. Am Telefon habe man ihnen erklaert, die Party finde nun in Gokarna statt, etwa 2 Stunden suedlich, im Staat Karnataka. Kaum sei ihnen das gesagt worden, sei die Person am anderen Telefonende aber unterbrochen und das Telefon weitergereicht worden. Dann sei ihnen erklaert worden, dass ihnen erst gesagt wuerde, wo die Party stattfinde, sobald sie ein Ticket gekauft haetten.

Ich entschied, vor Ort zu gehen und mich auf dem Festivalgelaende umzusehen. Ich hoffte, dass ich auf Leute treffen wuerde, die mehr wissen und mir mit Klarheit sagen koennen, ob und wo die Party nun stattfinden wuerde. Bereits am Eingang zum Gelaende wurde ich weggewiesen. Die Polizei und die Behoerden seien vor Ort, um zu verhandeln.

Spaetabends kam Viktor, der Landbesitzer, zu mir. Bis anhin war er immer sehr zuversichtlich. Er war ueberzeugt, dass die Party in Agonda stattfinden wuerde. Das sei nur eine Frage der Verhandlungen und des Geldes. Doch ploetzlich war er nicht mehr so optimistisch: Die Party wuerde nicht in Agonda stattfinden. Ich solle morgen die Zeitung lesen.

So las ich am Donnerstagmorgen die Zeitung:

Im Laufe des Tages machten dann wieder verschiedene Geruechte die Runde. Die Party finde nun in Morjim statt, in Goas Norden. Oder die Party finde nun wirklich in Gokarna statt, aber erst eine Woche spaeter, da ja nun alles neu aufgebaut werden muesste und mit den Behoerden des Staates Karnataka verhandelt werden muesse.

Morgen wuerde Freitag sein, der Tag an dem die Party beginnen sollte. Egal, mein Zug war sowieso bereits abgefahren.

Am Freitag war das Thema im oHERALDo keine Titelgeschichte mehr. Ein kleiner Artikel liess verlauten, dass die Party wohl definitiv nicht in Agonda stattfinden wuerde:

Ich begleitete Domi an den Flughafen, fuhr zurueck nach Agonda und ging ins naechste kleine Reisebuero. Dort buchte ich mir eine Busreise nach Bangalore fuer den naechsten Tag, mit Anschluss nach Mysore. Nach 10 Minuten hatte ich mein Ticket in der Hand. Ich wuerde am Sonntagmittag in Mysore ankommen, also gerade rechtzeitig, um am Abend den mit 40′000 Lichter beleuchteten Palast zu sehen.

The Travel Agency

Februar 6th, 2010

Ich fand, dass es Zeit wird meine Weiterreise zu planen. Domi muss zurueck zur Arbeit in die kalte Schweiz und ich habe noch zwei Wochen Zeit, mich ein bisschen in Indien umzusehen. Ich will unbedingt nach Ooty. Das ist eine Stadt auf 2′000 m.ue.M. im Staat Tamil Nadu. Da ich nicht genau wusste, wie man dorthin kommt, ging ich in eines der groesseren Reisebueros in Anjuna. Ich erhoffte mir kompetente Auskuenfte und eine schnelle Abwicklung der Buchung. Dass ich nicht auf direktem Weg nach Ooty kommen wuerde, war mir eigentlich von Anfang an bewusst. Ich muesse via Bangalore und Mysore fahren, erklaerte mir die Frau, die hinter ihrem Bildschirm sass und furchtbar gelangweilt dreinschaute. Den Bus koenne ich nur bis Bangalore buchen, dann muesse ich schauen wie ich weiter kaeme. Ob ich denn mit dem Zug nach Mysore komme, fragte ich, denn Zuege kann man von ueberall aus buchen. Ich erklaerte ihr, ich wolle am Sonntag in Mysore sein (denn immer Sonntags wird dort irgendsoein Palast oder Tempel mit Tausenden von Gluehbirnen beleuchtet). Die Inderin erklaerte mir, dass ich in diesem Falle bereits am Donnerstag in Goa den Zug besteigen muesse. Die Fahrt daure 15 Stunden bis Bangalore, dann haette ich direkt Anschluss nach Mysore. Die Zeitdauer Bangalore-Mysore betrage nochmals 24 Stunden. Das konnte ich kaum glauben, schliesslich ist die Strecke Goa-Bangalore auf der Karte um einiges laenger, als die Strecke Bangalore-Mysore. Ich fragte nach und sie bestaetigte mir die Zeiten nochmals. Nun gut, muss wohl eine verdammt komplizierte Strecke sein, die ueber viele Paesse und durch tiefe Schluchten fuehrt… Ich war vor einer soo langen Zugsfahrt ein bisschen angewidert, aber schliesslich akzeptierte ich den Vorschlag, ich habe ja genuegend spannende Buecher mit dabei. Dann musste ich warten. Warten, warten. Die Frau sass hinter ihrem Bildschirm und es sah ein bisschen so aus, als waere dies die erste Zugsreservation in ihrem Leben. Nachdem ich mindestens 40 Minuten fast regunglos im klimatisierten Buero gesessen hatte, kam der guten Frau ploetzlich in den Sinn, dass ihre Idee mit dem Anschlusszug in Bangalore doch nicht so ein guter Einfall sei, denn dieser Zug fahre von einem anderen Bahnhof aus, also nicht von dem wo ich ankommen sollte. Die Umsteigezeit reiche nicht aus, um mit einer Riksha zum anderen Bahnhof zu kommen, Bangalore sei gross und “very busy”. Ich wartete weitere 20 Minuten, die Frau – wahrscheinlich checkte sie noch alle ihre 23 E-Mail-Accounts – klickte gelassen mit der Maus. Dann, nach gut einer Stunde hielt sie mir den Ausdruck eines neuen Vorschlags vor die Nase: Die Fahrt nach Bangalore sollte immer noch 15 Stunden dauern, die Fahrt von dort nach Mysore aber nicht mehr 24, sondern nur noch 4 Stunden. Obwohl ich zu Beginn ausdruecklich sagte, ich wolle am Sonntag ankommen, kam ich nun gemaess ihren Buchungen ploetzlich schon am Samstag an. Ich gab auf, bezahlte etwas ueber 1′000 Rupies (ca. CHF 25) und verliess den Shop; mit einem Ticket, das ich so eigentlich gar nicht wollte.

Goas Norden

Februar 3rd, 2010

Bevor ich es vergesse, muss ich kurz etwas festhalten, das ich sofort wieder vergessen wuerde, das jedoch typisch fuer Indien ist: Gerade eben als ich mich zum Internetcafe aufmachte, schaute ich einem Suzuki-Minibus zu, der rueckwaerts einparken wollte. Wie wir es von unseren Lastwagen kennen, ist dieser Transporter mit einer Rueckfahrwarnfunktion ausgestattet. Aber es waere nicht Indien, wenn ein monotones Piepsen die Umgebung warnen wuerde. Sobald der Chauffeur des Suzukis den Rueckwaertsgang einlegt, beginnt der Titanic-Titelsong von Celine Dion zu spielen, in einer Lautstaerke, dass die Ohren zu schmerzen beginnen (Kombination Lautstaerke/Melodie).

Aber nun zu Wichtigerem:

Nach Agonda verbrachten wir eine Woche im Norden von Goa. Das ist da, wo einst die Hippies ueber die ehemalige portugiesische Kolonie herfielen. Es folgten die Raver, die in den 90er-Jahren an den Straenden naechtelang laute Parties feierten. Die meisten Hippies leben heute wieder in ihren Heimatlaendern und die Zeiten der grossen Technoparties sind auch vorbei: Verlotterte Bambushuetten auf Stelzen im “Disco Valley” deuten darauf hin, dass da mal viel los war.

Im Jahr 2010 ist der Norden Goas ein riesiges Feriendorf fuer alle: Backpacker, Pauschaltouristen, hangengebliebene Alt-Hippies, Moechtegern-Hippies, zurueckgebliebene Raver in Lack-und Lederhosen, reiche Russen und noch reichere Inder. Und natuerlich Schweizer, die so tun als haetten sie nicht bemerkt, dass auch wir solche sind.

Mit einem Scooter liegt einem ein riesiger Freizeitpark zu Fuessen: Essen aus aller Welt (Deutsches Brot, mexikanische Fajita, griechische Pita, tibetische Momos…), schoene wie auch weniger schoene Straende (mit Liegestuehlen, ohne Liegestuehle, mit Strandverkaeufern, ohne Strandverkauefern…), Freizeitbeschaeftigungen (Gleitschirmfliegen, Jetskifahren, Delfin-Trip…), Bars und Clubs (von gemuetlich und klein bis mehrstoeckig und laut) und natuerlich Drogen und Nutten (die Girls kommen – wie auch die meisten Touristen – aus Russland).

Also fuer alle etwas dabei. Hier ein paar Orte, die wir besuchten:

Assagao

Dieser Ort war der eigentliche Grund fuer unsere Reise in den Norden. Hier wohnt ein junges Schweizer Paar, das Domi kennt. Diese haben sich hier fuer ein halbes Jahr ein typisches portugiesisches Haus gemietet, um in Ruhe ihr erstes Kind zur Welt zu bringen. In den ersten Tagen war hier unser Ausgangspunkt. Assagao ist zwar kein Touristenort, da er ein wenig im Landesinnern liegt, aber man erreicht die Straende und Touri-Orte in wenigen Minuten.

Vagator

Hier verbrachten wir den Rest unserer Zeit in Goas Norden (ca. 15 Min. von Assagao entfernt am Meer). In Vagator liegt das erwaehnte Disco-Valley – hier fanden frueher die Strandparties statt. Heute ist es ruhig in Vagator. Es gibt zwar noch die NineBar: Ein Openair-Club mit Sicht auf das Meer. Techno gibt es dort aber nur noch von Sonnenuntergang bis 22 Uhr. Punkt Zehn verstummt die Musik, fuenf Minuten spaeter schliesst die Bar. Der sogenannte Rausschmiss. Es gibt mehrere kleine Buchten in Vagator, zwei davon haben wir erlebt und sie sind recht huebsch: Falafel-Beach und Spaghetti-Beach. Wer sich wohl diese daemlichen Namen ausgedacht hat?

Calangute

Hier baden die Inder. Es geht zu und her wie auf Mumbais Strassen: Jetski hier, Speedboat da und ganz viele Inder auf kleinstem Raum. Und ganz interessant auch die Regeln, an die sich die Inder hier halten muessen (besonders die dritte):

Aswem

Aswem liegt fast bei Arambol, also ganz im Norden. Trotzdem ist er von Anjuna aus in einer guten halben Stunde mit dem Scooter zu erreichen. Dieser Strand ist noch ein Geheimtipp, es ist hier fast so gemuetlich wie in Agonda: Es gibt kaum Strandverkaeufer, dafuer bequeme Liegen. Also nix wie hin, solange der Strand noch so friedlich ist (siehe auch Bild ganz oben).

Anjuna
In Anjuna waren wir nie baden. Den einzigen Strand den wir dort angetroffen haben sah so aus:

Bubble Brunch

Ein paar Russen aus Moskau ueberwintern in Goa und haben zu diesem Zweck einen kleinen Club eroeffnet, den sie mit viel Liebe zum Detail eingerichtet haben. Man fuehlt sich ein bisschen wie in einem russischen Wohnzimmer, dank den Sowjettapeten an den Waenden. Und in einer Ecke haben sie eine Sitzgruppe eingerichtet, dessen Boden echter Rasen ist und allmonatlich ersetzt werden muss. Der Beamer zeigt Luftausnahmen aus Oesterreich, russische Computeranimationen oder Avatar. Nur finanziell geht es den Jungs leider nicht wirklich gut. Das liegt zum einen daran, dass ihnen die Nachbarn die Hoelle heiss machen und sie ihren feinen Elektro nur noch leise spielen duerfen – zum anderen aber vielleicht auch an ihrem Kreditkonzept: Man konsumiert und konsumiert und bezahlt erst am Schluss. Und aufzaehlen was man einen Abend lang getrunken hat, ist nach den vielen “Bloody Boyarskys” gar nicht so einfach.


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Agonda 2010

Januar 27th, 2010

Eigentlich war es nur logisch, dieses Jahr gleich zu Beginn wieder an den Ort zurueckzukommen, an dem wir im letzten Jahr die meiste Zeit verbracht hatten, da es ein so wunderschoener Fleck ist: Agonda. Unsere Bungalows stehen wieder – vor dem Monsun sind alle abgerissen worden und danach wieder aufgebaut. Abgesehen davon, dass die Haeuschen in diesem Jahr ein bisschen farbiger sind, hat sich im “Sandy Feet” – wo wir bereits letztes Jahr wohnten – nicht viel veraendert. Aber die Strasse die parallel zur Kueste und hinter den vielen Bungalows der verschiedenen “Resorts” durchs Dorf fuehrt, ist nicht mehr dieselbe: Es gibt fast doppelt soviele Shops wie im letzten Jahr. Touristen gibt es vielleicht auch ein paar mehr (aber sicher nicht doppelt so viele). Was auffaellt: Es hat extrem viele Russen. Vielleicht sind diese so kaufwuetig, dass die doppelte Anzahl Shops gerechtfertigt ist.

So haben wir eine Woche lang gut gegessen (z.B. Fresh Lobster – siehe Bild), die Sonne genossen, gelesen…

Und natuerlich habe ich wieder fleissig oHERALDo gelesen. Zum Beispiel diese Geschichte:

Immer wieder werden in Goa illegal Haeuser gebaut. Und dann halt wieder abgerissen. Meist besitzen die Bauherren alle noetigen Papiere von der Gemeinde. Nur haette die Gemeinde fuer die entsprechende Parzelle keine Genehmigung erteilen duerfen. In diesem Fall war immer mal wieder etwas in der Zeitung zu lesen. Bereits zweimal haetten die Haeuser abgebrochen werden sollen. Beim ersten Termin mangelte es an Werkzeugen, um den Abbruch durchzufuehren, beim zweiten Termin war die Polizei mit einem Staatsbesuch beschaeftigt und die Sicherheit haette nicht gewaehrleistet werden koennen. Nun hats also doch noch geklappt.

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